Durch Ort und Zeit unterwegs auf der Reichsstraße - Teil II

Weiter geht´s mit Renate Schmitz, die uns über die Reichsstraße durch den Röttgen und Zeit führt und dabei aus dem Nähkästchen plaudert. Mit Reiseleiterin Schmitz sind wir beim letzten Mal bis zur Ortsmitte gekommen. Hinter dem ehemaligen Pastoratshaus setzten wir unsere Tour in Richtung Ortsausgang nach Meckenheim fort.

Nächster Halt ist

 

Der Gemischtwarenhandel Schüren


Aus welcher Zeit diese Postkarte stammt war auf der Karte leider nicht mehr lesbar. Renate Schmitz schätzt aber, dass dieses Foto aus den 50er oder 60er Jahren stammt.

Rechts neben dem heutigen Friseursalon mit der orangenen Markise, konnten die Röttgener in ihrem „Kaufhaus“, dem Gemischtwarenladen Schüren, alles für den täglichen Bedarf einkaufen – vom Schnür-senkel über Waschpulver bis hin zum Brot. Ein beliebter Laden, der es sogar zum Postkartenmotiv geschafft hat.

 


Ein  typisch Rheinischer Vierseithof: Der Kaushof

Ihn gab es bis 1975: Den Kaushof. Die Aufnahme oben ist aus dem Jahr 1958!

Der Kaushof war ein klassischer Vierseithof, wie sie im Rheinland häufig gebaut wurden. Wie der Name schon sagt, handelt es sich hierbei um eine Gebäudeform, bei der der landwirt-schaftliche Hof von allen vier Seiten von Gebäuden umschlossen ist. Der Hof wurde in den 70er Jahren bis auf die Grundmauern abgerissen. Heute befindet sich an der Stelle der Edeka. Ein kleines Relikt aus alten Tagen ist die Streuobstwiese hinter dem Edeka. Sie wird von

der Witterschlicker Allee und der Hubertus Allee umrahmt und gehörte einst zum Grund-besitz des Kaushofes, bevor sie in städtische Hand überging und der ehemalige Obst- und Gemüsegarten zur heutigen Dorfwiese wurde. 

Hier eine der letzten Auf-nahmen des Hofes. Zu sehen ist die Fronseite an der Reichs-straße. Das Foto stammt aus dem Jahr 1970.


Auch heute stehen an diesem Ort Lebensmittel im Mittelpunkt. Zwar werden sie hier nicht mehr produziert aber immerhin noch verkauft.

 

Einige Streuobstbäume sind geblieben, zwischen ihnen spielen Röttgener Kinder hin und wieder  Fußball.


Vis  à  vis des Kaushofes

Ein Foto mit Symbolcharakter:   die Lebensbedingungen in Röttgen vor 70 bis 80 Jahren .

 

Ein altes, dunkles Backsteinhaus (li.) stand vor vielen Jahren dort, wo sich heute dieses moderne und freundliche Gebäude an der Reichsstraße befindet. Anders als heute war das ursprüngliche Röttgen ein Ort, in dem einfache Menschen in bescheidenen Verhältnissen arbeiteten und lebten. Ob die beiden Frauen links jemals geglaubt hätten, dass auf den Trümmern ihres Hauses einmal ein Gebäude mit einem Kosmetikinstitut im Erdgeschoß errichtet würde?


Hoch die Tassen!  Im Gasthof Zur Herzogsfreude war immer was los

Klar, wie sollte es anders sein. Der Name des Gasthauses verrät Ortskundigen sogleich seine Lage: Mitten in Röttgen, dort, wo zu Clemens Augusts Zeiten Schloss Herzogsfreude stand, bot das Gasthaus „Zur Herzogsfreude“ noch bis in die 80er Jahre eine Einkehrmöglichkeit. Gleichzeitig diente es als Vereinslokal für zwei Fußballvereine hier in Röttgen: dem RWR und dem DJK. Und weit mehr als das, hier gab es sogar ein Kino. Jeden Mittwoch war Kinotag! Naja, also jetzt nicht so wie man sich ein Kino üblicherweise vorstellt, mit aufsteigenden Sitzreihen, gepolsterten Sesseln und großer Leinwand. Aber immerhin gab es einen Raum mit harten Holzstühlen (auf denen, laut Renate Schmitz, der Abend auch schon mal lang

werden konnte) und einem Projektor, der die Blog Buster der damaligen Zeit an die weiße Wand warf. Hans Albers, Trude Herr, Freddie Quinn und Heinz Rühmann sind nur einige, die hier ein und ausgingen – zumindest auf Zelluloid.

„Der Eintritt kostete eine D-Mark. Und im Winter, wenn es kalt war zusätzlich ein Brikett zum Heizen.“, erinnert sich Frau Schmitz bei unserem Spaziergang über die Reichsstraße.

Immerhin, mit Kohle wird an gleicher Stelle heute auch noch gehandelt, denn, wo früher der Gasthof „Zur Herzogsfreude“ zu finden war, residiert jetzt ...

 

         ... die Sparkasse KölnBonn

Blickt man von der Spar-kasse aus auf die andere Straßenseite und ca. 50 Jahre in der Zeit zurück, stellt man fest, dass Hunde hier noch alle Freiheiten beim Gassi gehen genießen konnten. Anstelle der Streu-obstwiese ist schon vor Jahren ein Mehrfamilien-haus-Komplex gerückt.



Die Schneiderei in Röttgen

Nur ein paar Meter weiter gelangt man zu diesem Haus. Hier wird selbst Renate Schmitz etwas spekulativ: „Also, ich weiß es nicht, aber man munkelt, dass dieses Haus mal ein Gefängnis gewesen ist. Ich selbst kann mich jedenfalls nicht daran erinnern“, sagt sie mit erhobenen Händen. Nun ja,

vielleicht weiß es ja jemand anderes? Wenn Sie´s genau wissen, nutzen Sie doch

das Kontaktformular und schreiben mir, vielleicht haben Sie ja auch noch ein Beweisfoto? Hier jedenfalls gibt es keins.

 

Die Bäckerei Gilgens

 Leider gibt auch hier kein Foto aus ver-gangenen Zeiten, aber genau hier beim Gilgens war der Verladeplatz der beiden Röttgener Tongruben. Hier wurde das Material, das die Loren aus den Gruben

heranschafften verladen und über ein weiteres Schienennetz die Flerzheimer

Allee entlang durch den Wald bis zum Bahnhof Kottenforst transportiert.

 

Von der alten Schmiede zum neuzeitlichen Ärztehaus

Es steht noch nicht allzu lange in Röttgen - das Ärztehaus. Eine auffällige Erscheinung: Modern, lichtdurchflutet und groß. Und früher?

1938 wurde hier eine Schmiede betrieben. Ochsen und Pferde wurden beschlagen, Pflug-schare geschärft und sonstige Schmiedearbeiten ausgeführt. Später verschwand die Schmiede zugunsten einer Tankstelle, die wiederrum machte um das Jahr 2010/11  Platz

für den Bau des Ärztehauses, das im Jahr 2013 fertiggestellt wurde. Dennoch, ganz weg ist die Schmiede von anno dazumal nicht. Neben dem Ärztehaus, von der Straße aus etwas nach hinten eingerückt existiert die alte Schmiede in Form einer modernen Kfz-Werkstatt weiter. Affinitäten dahin gehend zeichneten sich bereits in den 50er Jahren ab. Damals erlaubte der Schmied den Mitgliedern des Röttgener Motorradclubs, ihre Maschinen in der Schmiede zu tunen. Die 10 bis 15 Schrauber waren auch voll bei der Sache und trimmten ihre NSU, DKW oder die Zündapp auf Höchstform, bevor sie ihre Rennen durch Röttgen und Ückesdorf starteten. „Ja, da war was los im Dorf“, erzählt Renate Schmitz mit großen Augen. „Gestartet wurde Auf dem Kirchweg dann raus in Richtung Reichsstraße bis nach Ückesdorf von dort knatterten die Fahrer mit ihren Maschinen, mit und ohne Beiwagen, über die Hubertusstraße durch den Liebfrauenweg und durch die Hölle zurück nach Röttgen dann durch den Heidegartenweg und wieder von vorn. Fünf Runden dauerte ein Rennen. Beinahe das ganze Dorf versammelte sich an diesen Tagen an der Rennstrecke – sogar die Polizei guckte zu, obwohl diese Rennen offiziell gar nicht genehmigt waren.“ Andere Zeiten – andere Sitten.

 

Gäste sind hier seit jeher willkommen

Am Ortsausgang in Richtung Meckenheim kam man damals wie heute am Restaurant Kottenforst vorbei. Das Gasthaus ist seit Generationen in Familienbesitz. Geändert haben sich einzig das Outfit und die Nutzung. Früher war das Restaurant Kottenforst ein populärer Ausflugsort mit einer Gartenwirtschaft, in dem sich nicht nur die Mitglieder des Motorradclubs

regelmäßig trafen. Oft wurde hier auch zum Tanz aufgespielt.

Heute ist aus dem Restaurant ein Hotel Garni geworden, an dessen Rückseite immer noch ein wunderbarer Garten die Hotelgäste zum Erholen einlädt. Aus dem einst düstern Backsteingebäude ist nun ein helles,

modernes Gästehaus geworden, das übrigens immer noch „Kottenforst“ heißt.

 



Der Hof Hommelsheim, ein Aussiedlerhof weit ab vom Dorf

Hof Hommelsheim

  

Das Gehöft, das hier so weit außerhalb im freien Feld liegt, gibt es schon lange nicht mehr. Wer heute dort entlangfährt, befindet sich in den Straßen: Merler Allee, Birkenweg, Am Kottenforst oder Am alten Forsthaus.

 



Das alte Forsthaus

Seit Jahr und Tag schon ist das Alte Forsthaus das letzte Haus Röttgens, bevor die Reichs-straße als lange Allee schnurstracks in Richtung Meckenheim weiterführt. Das Gebäude ist

nach wie vor gut erhalten und nahezu unverändert. Das ehemalige Forsthaus befindet sich heute in Privatbesitz.

Gegründet wurde das Forstamt Kottenforst im Jahr 1817. Die Oberförsterei wurde 1934 zum staatlichen Forstamt. Mit der Schließung 1995 ging die Zuständigkeit über auf das Forstamt Bonn.

 

Kaum zu glauben aber wahr...

 

...einmal im Jahr wurde die Reichsstraße durch Röttgen zur Einbahnstraße erklärt. Anlass

waren die jährlichen Formel 1-Rennen am Nürnburg Ring. Die Autobahn gab es damals noch nicht und so wurde die Reichsstraße vormittags in Richtung Meckenheim zur Einbahnstraße erklärt und abends, nach Rennende, führte sie als Einbahnstraße zurück nach Bonn. „Dann gab es hier viel zu gucken“, berichtet Frau Schmitz. „ Wir haben dann oft im Gasthof Zur Herzogsfreude eine Limo –damals hieß die übrigens Zitsch- bestellt, uns an einen Tisch an der Straße gesetzt und den Autocorso beobachtet, der direkt an unserer Nase vorbei zum Nürnburg Ring fuhr. Und wer das Spektakel morgens verpasst hatte, hatte abends eine zweite Chance.“

 

...der Bundesmeister im Fähndelschwenken 1950 war ein Röttgener Jung und hieß Christian Kerp. Hier ein Foto von ihm aus dem Jahr 1950 in den Straßen Röttgens.


...Röttgen war einst Postkartenidyll! Grüße aus Röttgen wurden unter anderem mit diesen Karten verschickt. Schade eigentlich, dass heutzutage nur noch selten Postkarten verschickt werden. Röttgen jedenfalls würde nach wie vor hübsche Motive liefern. 



Durch Ort und Zeit unterwegs auf der Reichsstraße - Teil I & II finden sich hier

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Kommentare: 2
  • #1

    Sabine Conrad (Dienstag, 01 Dezember 2015 21:36)

    Phantastisch, danke.

  • #2

    Frank Baumgarten (Freitag, 22 April 2016 20:33)

    ...wau.... auf diese Seite kam ich zufällig. Super! Dafür nehme ich mir noch mehr Zeit.