Durch Ort und Zeit unterwegs auf der Reichsstraße

Teil I der Zeitreise

„Kinder wie die Zeit vergeht!“ – Wer kennt diesen Ausruf nicht? Schon als Kind bekam man diese Worte oft zu hören und mit fortschreitendem Alter kommen sie einem selbst immer wieder über die Lippen -häufig zusammen mit einem tiefen Seufzer sowie großer Verwunderung darüber wie schnell die Zeit vergeht und sich alles um einem herum verändert.  „Alles fließt, unterliegt dem Wandel der Zeit“, so formulierte es einst schon Heraklit (um 550 – 480 v. Chr.).

Die Zeit bringt aber nicht nur viele Veränderungen mit sich, sie radiert auch an den Erinnerungen und manchmal fragt man sich: „Wie war das eigentlich damals – vor 20, 30 oder 50 Jahren?“

Dieser Frage ist auch roettgen-online nachgegangen und hat sich mit einer Röttgenerin, die es wissen muss durch den Ort und die Zeit bewegt. Renate Schmitz bewahrt ihren Heimatort Röttgen sowohl im Herzen auf als auch auf schwarz weiß-Fotos aus vergangenen Tagen. Für roettgen-online öffnete sie ihr Fotoalbum und plauderte über alte Zeiten. Aus einer Schatzkiste voller Geschichten und Bildern haben wir uns eine Straße herausgesucht, die jeder hier kennt: Die Reichsstraße durch Röttgen. Unsere Sightseeing-Tour startete, von Ückesdorf aus kommend, hinter dem Kreisel am Ortseingang von Röttgen und endete am Ortsausgang in Richtung Meckenheim.

 

Der Tonabbau war einst mitbestimmend für Röttgens Ortsbild


Seit den 1920er Jahren bestimmte der Tonabbau das Röttgener Ortsbild maßgeblich mit. Die Tongruben lagen zwar nicht unmittelbar an der Reichsstraße, aber an ihr entlang erfolgte der Abtransport des Materials. So führte eine der Feldbahnen, von der alten Tongrube (heutiger Tennisplatz) aus kommend, nahe am Friedhof vorbei durch Röttgen hindurch über die Flerzheimer Allee bis zum Bahnhof Kottenforst. Auf dem Foto von 1936 erkennt man am linken Bildrand  einige Loren. In den 1960er Jahren hatte der Tonabbau in Röttgen seine Blütezeit, bis er in den 80erJahren endgültig eingestellt wurde. An die Zeit des intensiven Tonabbaus in Röttgen erinnert heute rein gar nichts mehr. Die letzten Loren rollten in den 1980er Jahren. Seitdem sind die Feldbahnen und Loren endgültig verschwunden. Einzig der idyllische Röttgener See, der als Renaturierungs-Maßnahme aus einer stillgelegten Tongrube entstand, erinnert an diesen harten Broterwerb.

 

Aussicht vom Wegkreuz


Unverändert und scheinbar von der Zeit unberührt steht es da, das Wegekreuz aus dem 18. Jahrhundert. Wie ein Wächter harrt es an der Kreuzung in Richtung Hobsweg aus. Die Aussicht vom Wegekreuz hat sich allerdings ein wenig verändert. Die Wiesen, links im Bild, mit dem Streuobstbestand sind schon lange großflächigen Mehrfamilienhäusern gewichen. Auch die Perspektive des damaligen Fotografen hinter dem Kreuz lässt sich nicht mehr

einnehmen, da dort dichte Sträucher wuchern.

 


 

 

 

Der Zahn der Zeit konnte -wie man sieht- auch dem Preußischen Meilenstein aus dem 19. Jahrhundert nichts anhaben. Wie eh und je steht er am Rande der Reichsstraße.

 


Gleich neben dem Preußischen Meilenstein, ein wenig zurückgezogen liegt, hinter einer mächtigen Kiefer, das ehemalige Haus des früheren Gemeindedieners Klemmer. „Ich habe zwar keine alte Fotografie hiervon, aber das Haus sieht, bis auf den roten Anstrich, immer noch so aus wie früher“, versichert Renate Schmitz und erklärt im Vorbeigehen, dass Gemeindediener Klemmer sowas wie der Nachrichtensprecher des Dorfes war. Einmal wöchentlich machte er sich mit seiner großen Glocke auf den Weg durch Röttgen, läutete die Anwohner zusammen und verkündete die neusten Nachrichten und Bekanntmachungen der Stadt Bonn. 1952 gab es zwar schon den General Anzeiger (Gründungsjahr 1889), aber nicht jeder Haushalt konnte sich ein Abo leisten.

 

Ein Erbe von Kurfürst Clemens August: Die ehemalige Gaststätte Stupp


Obwohl schon lange nichts mehr an Schloss Herzogsfreude und den kurfürstlichen Glanz erinnert, lässt ein Haus unweit des Ortseinganges die ehemalige Pracht erahnen: Das ehemalige Gasthaus Stupp. Das stattlich und sehr freundlich herausgeputzte Gebäude macht nach wie vor großen Eindruck. Erbaut wurde es  unter Kurfürst Clemens-August (1700 – 1761) für Heinrich Vaasen (1706 - 1778), der beim Fürsten in hoher Gnade stand. Deutlich später -nämlich Anfang des 19. Jahrhunderts- etablierte sich dort bis Mitte der 80er Jahre der Gasthof Stupp: Lange Zeit ein beliebter Treff für Jung und Alt. Auch heute noch ist das ehemals kurfürstliche Gebäude gut in Schuss. „Allerdings ist der einst so gesellige Gasthof heute kein öffentlicher Treffpunkt mehr“, bedauert Renate Schmitz. Schon seit vielen Jahren ist er im Privatbesitz und beherbergt eine Kunsthandlung sowie ein Antiquariat.

 

 

 

Gleich neben der grünen Toreinfahrt, die zum Hinterhof des ehemaligen Gasthauses Stupp führt, gab es einst den allerersten Lebensmittelladen in Röttgen, erzählt Frau Schmitz. Das große Fenster sei ein letztes Indiz hierfür.

 

 

 

 

Die alte Post

Hätten Sie´s gewusst? Die graue Maus auf dem Foto war mal eine Post. Hier trafen Briefe, Päckchen und Postkarten aus aller Welt ein und wurden umgekehrt von Röttgen aus in die Welt verschickt. Im Erker neben der Eingangstür war der Postschalter. Nichts erinnert heute noch an eine Poststation. „Ach“, sagt Frau Schmitz, “wirklich spektakulär war das Gebäude nie und bis heute ist es auch von der Fassade her fast gleich geblieben“. Das unscheinbare Einfamilienhaus ist heute unbewohnt.

 

Hätten Sie´s wiedererkannt?


Kaum zu glauben: Das Häuschen, das  heute so schmuck daherkommt, war einst Schandfleck von Röttgen.  1932 erbaut war das Haus früher Teil des weitaus größten Bauernhofes hier in Röttgen - dem Stemmer Hof, dessen Wirtschaftsgebäude sich entlang der Reichsstraße bis hin zum Hobsweg erstreckten. Das Einzige,. was aus dem verfallenen Bauernhof gerettet werden konnte, ist ein alter Deutz-Traktor, Baujahr 1954, luftgekühlt. Auch heute noch hat der Oldtimer seine regelmäßigen Auftritte in Röttgen. Und zwar als Zugmaschine bei den jährlichen Kirmes-Planwagenfahrten sowie im Karneval.   

Aktuell befindet sich in dem von Rund auf restaurierten Haus eine Zahnarztpraxis.


Das urige Fachwerkhaus war teil eines großen Bauernhofes


Von der Reichsstraße gut zu sehen, auf den ersten Metern der Dorfstraße steht das definitiv älteste Haus von ganz Röttgen. Das so liebevoll grundsanierte Fachwerkhaus war früher der Wohntrakt eines großen landwirtschaftlichen Betriebes, dessen weitere Gebäude sich bis zum Hobsweg erstreckten. Das Fachwerkhaus ist das Einzige, was von diesem einst so großen Hof übrig geblieben ist.

Bevor es zum Sitz einer Immobilienfirma wurde, konnte man hier noch lecker Essen gehen. Insbesondere zu Karneval platzte die damalige Kneipe namens „Alt Röttgen“ regelmäßig aus den Nähten, denn direkt vor den Fenstern konnten die Gäste den Röttgener Karnevalszug vorbeiziehen sehen.

 

 

Das Kriegerdenkmal unterlag bis heute nur wenigen Veränderungen; insbesondere die Stufen wurden im Lauf der Zeit umgebaut, wie das Foto von 1945, rechts zeigt.

„Röttgen hatte auch mal eine eigene Polizeistation. Hier ist sie.“, sagt Renate  Schmitz und zeigt auf das Gebäude gegenüber des Kriegerdenkmals (Foto rechts). Heute wird die ehemalige Polizeistation als Wohnhaus genutzt, und „sieht aus wie eh und je“, sagt sie. Ein Foto aus alten Zeiten gibt es nicht.

Für Recht und Ordnung wurde früher von diesem Haus aus gesorgt: Die ehemalige Polizeistation.



Lernen in Röttgen


Gleich neben dem Kriegerdenkmal befindet sich die Alte Schule. Heute ist das Backstein-gebäude weiß getüncht. Wo schon damals Kinder lernten, spielen heute die Kinder des Städtischen Kindergartens „Pusteblume“. Trotzdem, fleißig gepaukt wird auch heute noch in der alten Schule, nämlich von den Berufsschülerinnen und –schülern des Robert-Wetzlar Berufskollegs (RWK), das hier eine Außenstelle betreibt.

„Zu meiner Schulzeit gab es hier genau zwei Klassen, in der einen lernten die Kinder gemeinsam vom ersten bis zum vierten Schuljahr und in der anderen Klasse vom fünften bis zum achten Schuljahr“, erzählt Frau Schmitz. Unmittelbar neben der Schule wohnte der Lehrer.

 

Auch bei der St. Venantius-Kapelle hatte Kurfürst Clemens August die Hände im Spiel

Ein weiteres Erbe von Kurfürst Clemens August ist die Kapelle St. Venantius. Aus welcher Zeit das Foto oben stammt, ist nicht bekannt. Sicher ist nur, dass das ursprüngliche Kapellchen mehrmals erweitert und vergrößert wurde.

Noch von Clemens August am 30. Oktober 1740 eingeweiht, war die Kapelle, mit einer Längsausdehnung von ca. 10 Schritten, deutlich kleiner und an der Eingangsseite vermutlich offen. An den viereckigen Raum schloss sich der Chor in Form eines halbierten Sechseckes an. Im Jahre 1866 wurde ein geräumiges Langschiff angebaut. 1936 wurde der Bau nochmals erweitert und erhielt einen neuen Dachreiter.

 

Hinter der Kapelle, erzählt Renate Schmitz, habe es zu ihrer Kindheit eine kleine hölzerne Hütte mit zwei Räumen gegeben. „In dem einen Raum war die Bücherei untergebracht und in dem größeren der beiden Räume stand eine Tischtennisplatte. Hier konnten wir Kinder spielen vor allem, wenn es draußen in Strömen regnete“, erinnert sie sich. Ein Tisch und Stühle gab es jedoch nicht für die Jugendlichen. „Das machte aber auch nichts“, winkt Renate Schmitz ab, “ Wir haben einfach beim nächsten Bauern nach ein paar Strohballen gefragt. Die waren sowieso gemütlicher als jeder harte Stuhl.“ So hatten die Teens von damals schnell einen Deal mit dem Bauern ausgehandelt: Sobald die Strohballen nach langer Nutzungsdauer aus der Form gerieten oder gar zerfielen, stopften sie das lose Stroh in einen Jutesack und brachten es dem Bauern als Einstreu für die Tiere zurück. Im Gegenzug gab es wieder formschöne, fest gebundene Strohballen als Sitzgelegenheit im Landhausstil. Ein Foto von der Hütte und ihrem Interieur existiert leider nicht in Renate Schmitz Fotoalbum.

 

Früher lebte der Pastor noch nah bei seiner Wirkungsstädte


Wie sollte es anders sein, neben St. Venantius befand sich früher das Pastorat. Viel verändert hat sich nicht: Weiße Gardinen in den Fenstern, dunkle Dachschindeln. Weichen mussten die hohen Bäume vor dem Haus und die dunklen Backsteinmauern erhielten im Lauf der Jahre ein weißes Kleid. Bevor in Röttgen die Alte Schule gebaut wurde, diente ein Raum des Pastorats als Klassenzimmer. Zum Vergleich: in der heutigen Schlossbachschule werden Kinder vom ersten bis zum vierten Schuljahr in jeweils drei Klassen unterrichtet. Rund 300 Schülerinnen und Schüler bevölkern das Schulgebäude im Herzogsfreudenweg.

Das ehemalige Pastorat ist auch heute noch bewohnt, allerdings nicht mehr vom Pastor, der ist schon vor langer Zeit ausgezogen. Auch hier hat sich viel verändert.

 

 

Hier endet der erste Teil unserer Zeitreise. Fortsetzung folgt...


Wenn auch Sie etwas aus längst vergangener Zeit über Ückesdorf und /oder Röttgen zu zeigen und zu erzählen haben, nutzen Sie gerne das Kontaktformular und schreiben Sie mir.

Weitere Fotos und Insider-Geschichten sind sehr willkommen, insbesondere auch aus Ückesdorf.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Erika Fischer (Sonntag, 01 November 2015 20:44)

    Ich bin faziniert, von den alten Bilder.Ich bin in Röttgen geboren und aufgewachsen. Es ist schön durch diese Zeitreise zu gehen. Hoffe sehr , das es einen Teil 2 gibt.
    Werd meine alten Alben durch sehen und wenn ich alte Bilder finde werde ich mich melden. Wünsche noch viel Efolg mit dieser Seite.

  • #2

    Bernd Gollmann (Freitag, 14 Juli 2017 15:13)

    Wohne in der Reichsstr. 11 also in dem Gebäude neben der Alten abgerissenen Post.
    Habe gehört das sich in unserem Anbau bis in die 50ziger Jahre ein Bäckerei gewesen sein soll. Weiß hierzu jemand etwas? E-Mail bgollmann@web.de